Volkswagen Magazin

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Rallye-Auto e-up!

Die e-via ist eine Rallye für Elektroautos, bei der vor allem die Reichweite der Fahrzeuge gefordert ist. Kein Problem für den e-up!. Selbst gewinnen wäre ein Leichtes, wenn man wüsste wie.

Text Guido Gluschitsch
Fotos Florian Stürzenbaum
Bei einer Rallye macht der Co-Pilot den Schrittmacher. „Bremsen verboten“ gab er bei der e-via als Marschbefehl aus.

„Jetzt hab dich nicht so“, faucht er mich an, „niemand weiß so genau, wann und wo es mit ihm zu Ende geht. Vielleicht ist es uns vorbestimmt, dass es dieser Straßengraben ist.“ Ich kenne den Mann neben mir im VW e-up! nicht mehr. Florian ist ein herausragender Fotograf, eine Seele von einem Menschen, charmant, witzig und gut aussehend. Zumindest war er das, bis er heute in der Früh das Roadbook in die Hand nahm und damit in die Rolle des Co-Piloten auf der e-via schlüpfte.
Die e-via ist eine Rallye für E-Fahrzeuge, die in zwei Tagen über rund 380 Kilometer von Weiz in der Steiermark über Ungarn zurück nach Gleisdorf führt. 32 Teams stellen sich in unterschiedlichen Autos, in vier Kategorien, um herauszufinden, wer der Beste ist. Die Kategorie „Sonderprüfung“, bei der man Geschicklichkeitsspiele wie Tischfußball oder Pfitschigogerln gewinnen muss, und auch das „Zeitfahren“, bei dem man innerhalb einer vordefinierten Minute über die Ziellinie fahren muss, interessieren uns nicht. Pillepalle

Die Fahrtipps für Sparfreaks

Die einfachste Formel aller Rennfahrer gilt auch für die professionellen Spritsparer: Wer bremst, verliert.

 

  • Gefühlvoll Gas geben
  • Nicht bremsen, sondern ausrollen
  • Nicht rekuperieren, sondern segeln
  • Je schneller man fährt, desto höher ist der Energieverbrauch
  • Je höher der Gang ist, in dem man fährt, desto niedriger ist der Energieverbrauch
  • Klimaanlage aus, wenn es geht
  • Eco-Modus und/oder Start-Stopp-Funktion nutzen
  • Reifendruck prüfen – zu wenig Luft im Reifen braucht mehr Energie

vorausschauend.


Die Kategorie 2, „theoretischer Spritverbrauch“, die reizt uns. Und im gleichen Aufwischen gewinnen werden wir auch noch die Kategorie 1 „e-via-Index“. Dabei geht es laut Ausschreibung um „den persönlichen, energieeffizienten Fahrstil – vorausschauend, überlegt und mit konstanter Geschwindigkeit“.„Alle glauben, dass sie beim Rekuperieren wieder die Energie in die Akkus laden, die sie sonst beim Bremsen verlieren würden“, erkläre ich Florian. Das stimmt aber nur zum Teil. Denn wer Bremsenergie zurückgewinnen kann, der hat vorher zu viel Gas gegeben. Am sparsamsten fährt, wer nur so viel Gas gibt, wie er braucht, um genau am Zielpunkt auszurollen. Wir werden nicht rekuperieren, nicht bremsen. Wir nutzen die Energie, die im System Auto steckt, segeln und verhindern Verluste.

datatracking.

Den Schiedsrichter macht eine schwarze Box, die die TU Graz in den e-up! montiert hat. Über Satellitennavigation misst sie unsere Fahrweise, schickt über GSM die Daten an die Rennleitung – etwa während wir wieder einmal auf drei Reifen durch einen Kreisverkehr fliegen, weil wir ja den Schwung mitnehmen wollen, vorher nicht bremsen dürfen und danach nicht beschleunigen wollen. Wir nehmen zwei Tage lang den Schwung mit. Gnadenlos. Im Ziel sind wir entsprechend froh, das Rennen überlebt zu haben. Die E-Mobilität so auf ihre effiziente Spitze zu treiben ist lustig, geht aber auf die Magennerven. Und während wir an unserer Siegesrede feilen, erfahren wir, dass wir Vorletzter wurden.

Rekuperieren

Die Rekuperation, auch Bremsenergie-Rückgewinnung genannt, hilft, die beim Fahren ohnehin eingesetzte Energie möglichst ideal zu nutzen. Während der Schub- und Bremsphase eines Fahrzeuges – also immer dann, wenn der Fahrer einfach vom Gas geht oder bremst – wird die Spannung der Lichtmaschine (Generator) angehoben und zum massiven Nachladen der Fahrzeugbatterie genutzt.

Segeln

„Segeln“ beschreibt im Spritsparjargon das „antriebsfreie Gleiten“ ohne das bremsende Schleppmoment des Motors. Die Steuerung des Doppelkupplungsgetriebes erkennt, wenn kein Gas gegeben wird, und schaltet automatisch in den Leerlauf. Dadurch wirkt das Schleppmoment des Motors nicht mehr auf den Antriebsstrang. Dies hat den Vorteil, die vorhandene Bewegungsenergie zur Fortbewegung zu nutzen, anstatt sie in Form von Schleppleistung zu verlieren.

Der e-up! ist nicht nur der perfekte Stadtwagen, emissionslos und lautlos, er ist auch ein hervorragender Rallye-Wagen. Das haben bei der e-via mehrere Piloten gewusst, weshalb auch mehrere e-up! am Start waren.

möchtegern.

Ähem. Was? Vorletzter? Die Berechnung der Rennleitung hat ergeben, dass wir einen errechneten Durchschnittsspritverbrauch von über 8,5 Litern pro 100 Kilometer haben. Die Mitstreiter klopfen uns auf die Schulter: „Hat man gleich gesehen, dass ihr beide es wissen wollt.“ Florian setzt seinen strengen Blick auf. „Na, Herr Möchtegern-Weltmeister? Wozu hab ich mir das alles angetan? Vorletzter?“

Nach einem kurzen Moment der Einkehr und Scham ist klar, warum die Rekuperierer vorne liegen. Einem Satellitenkastl ist es vollkommen egal, ob die Klimaanlage rennt, der Pilot drei Tage nix gegessen hat, um Gewicht zu sparen, und ob der e-up! gerade bergauf oder bergab fahren muss. Wer immer Strich 70 km/h gefahren ist, dürfte das Rennen wohl für sich entschieden haben – egal wie viel Energie das jeweils kostete. Denn Geschwindigkeiten kann das GPS-Kastl messen. Unsere hemmungslos vorausschauende Fahrweise aber nicht. 8,5 Liter im Schnitt, das hätten wir nicht einmal gebraucht, wenn wir die ganze Strecke mit einem Spritfresser gefahren wären. Und dann habe ich die Idee schlechthin: Der Bordcomputer des e-up! kennt die Wahrheit. Dieser zeigt uns genau an, wie viel Energie wir während der Rallye verbraucht haben.

Im Schnitt waren das 10,6 kWh pro 100 Kilometer. Diese Energiemenge kann man etwa mit www.mein-onlinerechner.com wieder in einen Spritverbrauch umrechnen. Dabei kommen wir zu dem Ergebnis: Wir hätten weniger als 1,1 Liter Diesel oder etwas mehr als 1,2 Liter Benzin für 100 Kilometer gebraucht.

Unser Durchschnittsverbrauch von 10,6 kWh pro 100 Kilometer bedeutet, wir wären im Schnitt mit etwas mehr als einem Liter Sprit für 100 Kilometer ausgekommen.

Der Bordcomputer gibt kompromisslos Auskunft über den tatsächlichen Verbrauch.
Roadmaps sind gut. Satellitenbasierte Gegenchecks aber besser.

effizienzmeister.

Das heißt nicht nur, dass der e-up! ein Effizienzmeister ist und ganz einfach Reichweiten schafft, die weit über der Werksangabe liegen – wie wir bewiesen haben – sondern auch, dass wir gar nicht so schlecht waren, wie das Ergebnis der e-via vermuten lassen würde. Mit dem uns auf den Kopf zugesagten Verbrauch für 100 Kilometer wären wir die ganze Rallye nämlich gleich zwei Mal gefahren. Der Gewinner hat übrigens laut Jurymessung 6,053 Liter pro 100 Kilometer gebraucht. Das sind rund 5 Liter mehr, als wir laut eigener Messung gebraucht haben. Eindeutiger kann das Ergebnis gar nicht sein, oder?