Volkswagen Magazin

BESSER LEBEN

Der Einser-Hase läuft.

2014 kaufte Jürgen Braunstingl einen Golf Rabbit Baujahr 1982. Er restaurierte ihn nicht nur komplett, sondern versteckte auch ein paar Eastereggs, wie man das heute nennt.

Text Guido Gluschitsch
Fotos Erich Reismann

Ganz original ist er nicht mehr, der himmelblaue Einser Golf von Jürgen Braunstingl. Das sieht man auf den ersten Blick. Dafür glänzt der Lack zu schön, dafür sitzt der Wagen zu tief, und die mächtigen BBS-Felgen, die gab es 1982 auch nicht ab Werk. Aber auf eines legt der 22 Jahre alte Karosseriebaumeister Wert: „Ich kann den Wagen jederzeit wieder in seinen Originalzustand zurückversetzen, das war mir immer wichtig“, erzählt er.

 

Wir sitzen in der Küche neben der Werkstatt des Familienbetriebes, in dem Jürgen Braunstingl gemeinsam mit seinem Vater arbeitet. Jürgens Mutter kümmert sich um die Tankstelle, die ebenfalls zum Unternehmen gehört, aber auch um den herrlich duftenden Schweinsbraten, der im Rohr schmort. Auf dem Tisch liegen die Originalpapiere des Golf, samt einer Preisliste aus den 1980er-Jahren für die gängigsten Services und Reparaturen. Und dann ist da noch die Bedienungsanleitung eines Becker Grand Prix Radio. Das Gerät dazu steckt im Armaturenträger des Golf Rabbit von Jürgen Braunstingl. Das Radio ist voll funktionsfähig und eine der vielen Überraschungen, mit denen dieser Golf aufwartet. Eastereggs, Ostereier, heißen diese versteckten Kostbarkeiten im automobilen Fachjargon, versteckte Details auf Neudeutsch. Was wiederum gut zum Rabbit – auf Deutsch Hase – passt.

»Am Wörthersee sind wir immer dabei, aber bevor die eigentliche Party losgeht.«

Jürgen Braunstingl

Wertanlage Autoradio.

Das Becker Grand Prix war zu seiner Zeit das, was heute eine hochwertige Bang & Olufsen Anlage ist. Nichts, was man in einem Golf fand. Ein Becker Grand Prix steckte wenn, dann in einem Luxuswagen. Diese Radios sind heute selten und in gut erhaltenem Zustand schon so etwas wie eine Wertanlage. Nur, was nutzt der Glanz der alten Zeit einem 22 Jahre jungen Mann aus Drasenhofen? Kompakt-Kassetten kennt dieser nur noch aus alten Filmen. Daher sendet Jürgen Braunstingl seine MP3-Musikfiles über eine kleine Radio-Funkanlage ins Radio.

 

Ein weiteres Osterei ist in den Felgen versteckt. Der Sechskant, der die Radnabe verdeckt, ist für gewöhnlich aus Kunststoff. Nicht so bei diesem Rabbit. Da ist das Mittelstück aus Aluminium. Die Schrauben der zweiteiligen Felge und die Ventile sind vergoldet. Jürgen hat seinem Golf ein Gewindefahrwerk spendiert, weshalb der Golf extrem tief liegt und brettelhart gefedert ist.

Die Tankstelle gehört zum Familienunternehmen, die Türgriffe ursprünglich zu einem Porsche.

Flinserl.

Das schönste Highlight aber ist in den Türgriffen versteckt. Erinnern Sie sich an die Playboy-Hasen, die sich manche Männer in den 1980er-Jahren, wenn sie besonders hip sein wollten, als Flinserl ins Ohr steckten? Daran müssen wir denken, als wir das Porsche Logo in den Türgriffen sehen. Jürgen Braunstingl hat nämlich entdeckt, dass die Türgriffe des Porsche 944 genau die gleichen sind wie die im Golf. So verpasste er seinem Golf Rabbit solch ein Paar. Selbstredend hat Jürgen welche aus poliertem Vollmaterial.

 

Es war eine Menge Arbeit, die der junge Niederösterreicher in seinen Golf steckte. Vor zwei Jahren kaufte er den Wagen einem Freund ab. 111.000 Kilometer waren auf der Uhr. Die meisten davon fuhr die Vor- und Erstbesitzerin. Jürgen zerlegte den Wagen, revidierte den 70 PS starken JB Motor komplett und lackierte die Karosserie neu.

Die ganze Restaurierung fand in rekordverdächtigem Tempo statt. „Voriges Jahr im Jänner hab ich den Golf von einem Freund gekauft – an einem Donnerstag habe ich ihn geholt, am Freitag habe ich ihn zerlegt und eine Woche später, am Samstag, hat ihn Domenik Braunsteiner lackiert.“ Vielleicht basierte die Eile auf der Tatsache, dass Jürgen Braunstingl schon einmal einen Einser Golf besaß. Diesen restaurierte er damals aber nicht, verkaufte ihn stattdessen und merkte ziemlich bald, dass dies ein Fehler gewesen war.

GTI-Treffen.

Noch im gleichen Jahr fuhr er mit seinem aufgeputzten Rabbit an den Wörthersee – und auch heuer war er beim GTI-Treffen. „Am Wörthersee sind wir immer dabei“, erzählt er, „reisen aber schon vor dem eigentlichen Treffen an, wenn die Konzentration noch mehr auf den Autos liegt, bevor die große Party losgeht.“ Sonst bewegt er seinen Rabbit nicht allzu oft. „4000 Kilometer bin ich gefahren, seit ich ihn habe“, sagt Jürgen, der insgesamt fünf Autos besitzt, darunter auch einen Golf IV R32. Seinen Rabbit, den hat er für den Spaß – aber auch als Wertanlage. Entsprechend freut er sich, wenn sein Wagen von den Besuchern am Wörthersee bewundert wird.

Bei diesem Innenraum werden Erinnerungen an eine Zeit ohne Navi, CDs und Smartphone wach.

Vor allem die Einser Golf sind dort die großen Stars. Mit diesem Auto schwang sich 1974 der Volkswagen Konzern zur heutigen Größe auf. Und der Rabbit, als spezielles Sondermodell für Österreich, leistete einen wesentlichen Beitrag zu dieser Erfolgsgeschichte. Er fand viele begeisterte Kunden. Bis heute. Denn der Rabbit ist die begehrteste Sonderausstattung des Golf – egal ob als Limousine oder Variant. Wegen des Erfolges gibt es nun auch den Sportsvan als Rabbit.

 

Gut erhaltene Rabbit der ersten Generation sind heute trotzdem schon selten. Denn der Einser Golf ist der Vorzeigewagen für Autos, die kurz, bevor sie Oldtimer wurden, leichtfertig entsorgt wurden, weil es ohnedies so viele Fahrzeuge am Gebrauchtmarkt gab und die Preise dafür im Keller waren. Wer da mit einem schönen Golf nur wenige Jahre gewartet hat, profitiert heute von steigenden Preisen und begeisterten Sammlern, die sich gegenseitig überbieten.