Volkswagen Magazin

BESSER LEBEN

Bye-bye, Bulli!

56 Jahre lang wurde der T2 Transporter – besser bekannt als Bulli – in Brasilien gebaut. Nun liefen die letzten T2 Modelle der „Last Edition“ vom Band. Zeit für eine Abschiedstour zur Ilhabela, Brasiliens „schöner Insel“. Ein Vater-und-Sohn-Wochenende im Paradies.

Text Karen Naundorf
Fotos Lianne Milton

Paulo Borges zögerte keine Sekunde, als der Anruf von Volkswagen kam. Ob er einen Bulli der „Last Edition“ testen wolle, gerade vom Band gerollt: „Nächste Woche? Zwei Tage? Geht klar!“

Borges, 48, ist Bulli-Fan, seitdem er denken kann. Fahren lernte er mit neun. In einem Bulli, versteht sich. Heimlich, auf einer Seitenstraße, er kam gerade mit den Füßen an die Pedale. Heute ist er Mitglied im brasilianischen Bulli-Fanclub – und stolzer Besitzer von zurzeit 21 Modellen des Kleintransporters, untergestellt in verschiedenen Garagen. Der älteste ist Baujahr ’53, der luxuriöseste wurde für die Panamerikanischen Spiele in Rio de Janeiro 2007 eigens mit einer Klimaanlage ausgestattet. Mühevoll hat Borges sie zusammengesucht, seine „Kombis“, so nennen sie den Bulli in Brasilien. Die meisten stammen von Versteigerungen im brasilianischen Inland, wo Autos auch nach Jahrzehnten in gutem Zustand sind, weil sie nicht vom feucht-salzigen Meeresklima angegriffen werden, wie es etwa in Rio de Janeiro, Fortaleza oder Recife herrscht. Oder auf der Ilhabela, Brasiliens Paradiesinsel schlechthin.

56 Jahre lang wurde der T2 in Brasilien ohne Unterbrechung gebaut. Nun ist Schluss. Die Karosserie müsste zu stark verändert werden, um die neuen Gesetzesbestimmungen zu erfüllen – ABS und Airbag für Neuwagen, die in Brasilien hergestellt werden. Der Bulli ist das Lieblingsgefährt vieler Brasilianer, die ihn genauso nutzen, wie er gedacht war, als der T1 1950 in Deutschland erstmals vom Band lief: als Kombinationsfahrzeug, Kombi eben. Unter der Woche: zum Arbeiten. Am Wochenende: als Familienwagen, für Ausflüge und Freizeitfahrten.

Die „Last Edition“ ist ein Sammlerstück, auch Paulo Borges hätte ihn gerne. Doch ausgerechnet jetzt, wo die letzten T2 Kleintransporter überhaupt produziert werden, im Volkswagen Werk São Bernardo do Campo nahe São Paulo, nur wenige Kilometer von seinem Haus entfernt, kann er ihn nicht kaufen. Er hat es seiner Frau versprochen: keine neuen Autos mehr, keine Bullis. Ehrenwort. Eine Abschiedsfahrt auf Brasiliens „schöner Insel“ ist da ein umso willkommeneres Geschenk. Für ihn. Und für seinen fünfjährigen Sohn Joaquín, auch er Bulli-Fan. „Viele Sammler schaffen es nicht, die Kinder mit ihrer Begeisterung anzustecken“, sagt Borges und freut sich, dass es bei ihm anders ist.

„Hände vors Gesicht!“, ruft der Papa. Der Bulli steht auf dem Parkplatz des Volkswagen Werksgeländes bereit, und Joaquín kurz vor einer großen Überraschung. „Eins, zwei, jetzt, hinschauen!“ „Woooooow!“ Joaquín rennt einmal um den Wagen, streicht mit den Fingern über den hellblauen Lack, dann springt er durch die Seitentür auf die Rückbank, klettert auf den Fahrersitz, legt die Hände ans Steuer: „Genau so einen will ich haben, Papa!“ Dann klettert er über die zwei weiß-blau gestreiften Sitzbankreihen zur Ladefläche, ordnet das Gepäck an: das kleine Kinder-Surfbrett nach unten, Taschen obendrauf, der Fußball unter die Sitzbank.

Überraschung! Paulo zeigt seinem Sohn erst kurz vor der Abreise, mit welchem Auto sie zur Trauminsel düsen.

„Last Edition“

Zum Abschluss der 56 Jahre währen­den Produktion des T2 in Brasilien bringt Volkswagen die „Last Edition“ in limitierter Auflage von 1.200 Modellen heraus – jedes mit eigener Typplakette und im 60s-Design mit Zweifarblackierung, Weißwandreifen, Vinylpolstern und Stoffvorhängen. Der Preis: 85.000 Reais (26.300 Euro).

Größtes Zugeständnis an die Moderne ist beim letzten T2 das Soundsystem mit MP3-Option und USB-Anschluss. Die Technik ist – mit Ausnahme des 1,4-Liter-Total-Flex-Motors (78 PS) – seit 1967 weit­gehend unverändert, weshalb der „Bulli“ vielerorts ohne größere Umbauten nicht zulassungsfähig ist.

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» Viele Sammler schaffen es nicht, die Kinder mit ihrer Begeisterung anzustecken. «

Paulo Borges freut sich, dass es ihm und seinem Sohn beim T2 anders ergeht.

Joaquín mag an der „Last Edition“ am liebsten die Seitenfenster und den Kofferraum, mit reichlich Platz für sein Bodyboard.

Der Trip zur Ilhabela, rund 200 Kilometer östlich von São Paulo, ist die erste Reise, die Vater und Sohn zu zweit unternehmen. Das erste Mal unterwegs ohne die Mutter, sie ist im vierten Monat schwanger, braucht Ruhe. Joaquín hat ein Foto von ihr dabei. Sobald der Bulli die Autobahn entlangsurrt – der Flex-Motor kann mit Benzin oder Ethanol betankt werden –, ruft Joaquín die Mutter an: „Wir sitzen im Kombi! Er ist blau mit weißem Dach. Und er hat blaue Vorhänge, nicht nur an der Seite, sondern auch an der Heckscheibe!“ Der Rest des Tages ist selige Vater-Sohn-Landpartie. Sie singen „A Marcha da Kombi“, den Bulli-Marsch. Der Wagen im Liedtext ist so intelligent, dass er alleine auf dem Markt arbeitet, ohne Fahrer, denn den braucht er nicht. Manchmal büxt er aus und narrt seinen Besitzer. Joaquín kann die erste Strophe längst auswendig. Dann ist das Spiel „Vejo, vejo“ an der Reihe, auf Deutsch „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Vater Paulo geht alle Details des Kombis durch: die hellblau gestreiften Sitzbezüge. Den schwarzen Fensterheber. Die rote Tachonadel. Joaquín wählt gelbe oder grüne Straßenschilder, Hausdächer, Bananenstände am Straßenrand. Oder einen bestimmten Baum, der natürlich längst vorbei ist, wenn Papa zu raten beginnt. Joaquín gewinnt immer.

Eine Fähre verbindet die Ilhabela mit dem sechs Kilometer entfernten brasilianischen Festland.
Unterwegs auf der Insel, die als Strand-, Surf- und Tauchparadies bekannt ist, genießen Paulo und Joaquín frischen Kokosnusssaft.

Vor der Reise hatte Paulo Borges es angekündigt: Die Leute auf der Straße würden schauen und das besondere Bulli-Modell bestaunen. Es klang nach der Übertreibung eines Fans. Aber tatsächlich hebt an jeder Baustelle ein Arbeiter den Kopf. Gleich beim ersten Halt kommt der Besitzer einer Imbissbude auf Borges zu und beginnt ein Fachgespräch. In den folgenden beiden Tagen vergeht kein Halt ohne Bulli-Konversation. Selbst die Polizei hält an einem Parkplatz neben Borges und Sohn. Und erkundigt sich, ob die „Last Edition“ wirklich der letzte Bulli sein wird.

Die Antwort lautet: Ja, leider. Der letzte T2 lief Ende Dezember vom Band. Produziert wurde 56 Jahre, so wie anno dazumal, ohne Roboter, selbst die Farbe wurde am Ende noch per Hand aufgesprüht.

Es ist das Ende einer Ära, eines Mythos mit vier Rädern. Der Prototyp des Bulli ging am 8. Mai 1950 in Serienproduktion. Konzipiert als zuverlässiger Lastesel, wurde der Transporter zu einem der Motoren des deutschen Wirtschaftswunders – und zu einem der erfolgreichsten Automobile überhaupt. Acht Personen konnte der T1 transportieren, mit 25 PS, auf der Straße brauchte der kleine Bus nicht viel mehr Platz als ein Käfer. Die Windschutzscheibe war zweigeteilt, „sodass man immer mit dem Gesicht beim Fahren vorne dranklebt“, sagt Borges, der selbst einen T1 in der Garage stehen hat.

Während der beiden Reisetage zeigt sich die ganze Vielfalt der Ilhabela. Die Insel hat 368 Wasserfälle. Und eine dichte, artenreiche Vegetation.

Feuerwehr, Polizei, Gemüsehändler, Handwerker – der wendige Transporter avancierte flugs zum Liebling verschiedenster Branchen. „Das perfekte Nutztier. Anspruchslos wie ein Esel auf Sardinien“, schrieb die renommierte deutsche Tageszeitung „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Was alle lieben, kriegt einen Spitznamen. Beim Bulli mixte man Bus und Lieferwagen – Buli, logisch, fehlte nur noch ein L. In Portugal hieß er bald Pão-de-Forma, weil er einem Kastenbrot ähnelte. In Finnland Junakeula – Zug-Front. Und im englischsprachigen Raum Split Window, Splitty, Hippie Mobile, die Liste ist lang.


1,8 Millionen Transporter sind bereits vom Band gerollt, als 1967 der T2 auf den Markt kommt. Das neue Modell ist 20 Zentimeter länger, der 47-PS-Motor schafft 110 km/h, die Windschutzscheibe ist nicht mehr geteilt, der Fahrer sieht besser. Ein voller Erfolg, auch bei Aussteigern, die mit dem Bulli um die Welt reisen. Lastesel und Freiheitssymbol, geradlinig und glamourös – der Bulli steht für beides. In den nächsten Jahrzehnten wird der Transporter weiterentwickelt und zum modernen Van, zur Großraumlimousine. Doch der T2 bleibt Kult, so wie für Paulo Borges: „La Kombi“ gleicht für ihn „einer Dame, in die man sich immer wieder neu verlieben kann“.

Kaum 15 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre, dann rollt der Bulli die engen Straßen der Ilhabela entlang. Kokospalmen, helle Sandstrände, klares Wasser, in dem man beim Schwimmen auch ohne Taucherbrille die Fische am Meeresboden sieht. Nur einen Schönheitsfehler hat das Paradies: die Borrachudos, gemeine Stechbiester, die schmerzhafte Stiche verursachen. Weshalb Brasilianer sagen, wenn sie Ilhabela hören: „Wun-der-schön! Aber, nimm Mückenschutz mit!“


Als Vater und Sohn schwimmen und Fußball spielen, darf der Kombi mit auf den Sand. Die Sonne geht unter und färbt Strand und Palmen in ein unwirkliches Blaugrau. Borges macht das Standlicht an. Das vertraute, gutmütige Bulli-Gesicht mit den kugelrunden Augen erscheint nun umso klarer. Wenn der Blinker gesetzt wird, bekommen die Augen orange Wimpern.
Am nächsten Tag, auf der Fähre zurück zum Festland, fotografiert Vater Paulo alle Details: Sitze, Fußmatten, Vorhänge. Ja doch, er werde sich an sein Versprechen halten und keine „Last Edition“ kaufen. Aber eines sei sicher: Der T2 Baujahr 2008, den er gerade restauriere, werde innen genauso aussehen wie der letzte T2.

» Eine Dame, in die man sich immer wieder neu verlieben kann. «

Paulo Borges formuliert seine Faszination für den Bulli.

Und tschüss! Zum Abschied von der „Last Edition“ genießen Vater und Sohn die Sunset-Stimmung am Strand.