Volkswagen Magazin

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am wendepunkt.

Autos mit Geschichte: Bernhard Deicker und sein VW K70 L, Baujahr 1972.

Text Herbert Wind
Fotos Erich Reismann

2005.

Bernhard Deicker ist zwanzig Jahre alt und auf der Suche nach einem Auto, das keiner hat. Einzige Voraussetzung seinerseits: Ein VW muss es sein, ein durchaus vernünftiger Ansatz des jungen Mannes. Die Aufgabe wurde dadurch freilich nicht leichter. Bekanntermaßen baute und baut Volkswagen ziemlich erfolgreiche und daher entsprechend bekannte Autos, die sich auch im fortgeschrittenen Alter über eine überdurchschnittlich hohe Präsenz im Straßenbild freuen dürfen.

 

Wie auch immer: K70 war schließlich das Stichwort, das den grundsätzlich autoaffinen Bernhard Deicker aufhorchen ließ. „Ich wusste nichts von diesem Auto.“ Als er schließlich herausfand, dass der K70 der erste VW mit wassergekühltem Frontmotor und Frontantrieb war, sollte das seine Neugier nur weiter anregen. Er machte sich auf die Suche. K70 sind nicht leicht aufzufinden, das Auto war die berühmte Ausnahme von der Regel, verkaufte sich nie besonders gut, entsprechend dünn ist das Angebot am Markt. Im Internet wurde Bernhard schließlich doch fündig: Eine Innsbruckerin hatte nicht nur einen, sondern zwei K70, Dino 1 und Dino 2, wie die Autos von ihrer Besitzerin gerufen wurden. Und als Bernhard Dino 2 im Jahr 2007 schließlich abholte, brach er deren achtjährigen Tochter fast das Herz: „Das arme Mädchen hat Rotz und Wasser geheult.“ Das Kind hat sich dann doch trösten lassen, und Bernhard Deicker war im Besitz eines Autos, das nicht jeder hat: VW K70 L, Farbe Türkis-Metallic, Baujahr 1972, Kilometerstand: 127.000.

1970.

1970. Der K70 ist ursprünglich eine Entwicklung von NSU. Man wollte der avantgardistischen Wankelmotor-Limousine Ro 80 ein in Design und Technik etwas konventionelleres Modell zur Seite stellen. Als Audi schließlich im März 1969 NSU übernimmt, bekommt Volkswagen das fast fertige Konzept für den K70 als Mitgift. Die Zeit war eine Zeit des Umbruchs, in der sich abzeichnete, dass die alten technischen Layouts mit Heckmotor und Heckantrieb nicht mehr lange funktionieren würden. Und der K70 sollte zum Wegbereiter der Moderne werden, ein Wendepunkt in der Automobilentwicklung von Volkswagen. 1970 wird die neue Limousine schließlich vorgestellt. Unter der Motorhaube arbeitet ein modernes 1600er-Aggregat (Solex-Doppelvergaser, obenliegende Nockenwelle), das in der Basisversion 75 PS leistet, in der stärkeren Variante 90. Besondere Kennzeichen des K70 waren unter anderem die Einzelradaufhängung rundum oder die bei Mechanikern wenig beliebten, weil schwer zugänglichen innenliegenden Scheibenbremsen vorne. Was das Auto aber vor allem auszeichnete, war das großzügige Platzangebot, sowohl im Innenraum als auch im Kofferraum, Komfort, wie man ihn bis dahin noch nicht kannte. Erst recht, sobald man die Heizung einschaltete, kein Vergleich zu Autos wie dem Käfer oder VW 411 mit luftgekühltem Heckmotor.

Der K 70

war der Revolutionär unter den Volkswagen. Durch seine zukunftsweisende Technik mit Frontmotor und Wasserkühlung. Und durch sein bis heute modernes Design.

Der K70 sollte zum Wegbereiter der Moderne werden, ein Wendepunkt in der Automobil­entwicklung von Volkswagen.

Wie man sieht, waren Chromleisten zu jener Zeit ein beliebtes Stilmittel der Designer, um die Eleganz des Auftritts zu unterstützen.

2009.

Die erste Phase der Renovierung ist soweit abgeschlossen. Wochen und Monate hat Bernhard Deicker täglich nach Feierabend an der Generalsanierung der Karosserie gearbeitet, geschliffen und gefüllert, um den K70 schließlich im befreundeten Autohaus Almtal neu lackieren zu lassen: schwarz, tiefschwarz, um genau zu sein. „Eine Jugendsünde“, meint er fünf Jahre später, zu der er sich von seinen Freunden überreden ließ. Im oberösterreichischen Scharnstein, dem Heimatort von Bernhard, gibt es eine sehr aktive und lebendige VW Fangemeinde, die kann schon eine gewisse Gruppendynamik aufbauen. Und abgesehen davon: So schlecht sieht das gar nicht aus. Das noble Schwarz steht der eleganten, fast filigran wirkenden Limousine durchaus gut. Ein Blickfang ohnegleichen, das zeigt sich auch, während wir im Almtal fotografieren: Nicht nur ein Wanderer bleibt stehen, um den K70 genauer zu betrachten: „In diesem Kofferraum konnte man schlafen, so groß war der“, erzählt uns ein Passant, der von 1975 bis 1978 einen K70 fuhr, „in Kupfer-Farbe“. Und der ihn nur ungern und notgedrungen verkaufte, „aber ich brauchte das Geld“. Zum Abschluss der Karosseriearbeiten spendierte Bernhard Deicker dem K70 noch Porsche Fuchsfelgen, zwar nicht original K70, aber immerhin echte Klassiker ihrer Art. „Die Originalfelgen sind doch ziemliche Straßenschneider“, erklärt Bernhard seine sportlichere Interpretation der gediegenen Limousine. Das Schöne an einem alten Auto ist: Es gibt immer was zu tun. Für den Sommer ist der Tausch des Zylinderkopfs geplant.

1975.

Mögliche, teilweise auch schon geplante und durchaus naheliegende Varianten des K70, etwa ein Kombi oder eine Schrägheckversion, werden von Volkswagen nicht realisiert. Unter anderem deshalb, weil man konzerneigenen Modellen wie dem VW 411 oder dem Audi 100 nicht unnötig Konkurrenz machen will.Die Pflegemaßnahmen bleiben auch überschaubar: 1972 kommt das luxuriöser ausgestattete L-Modell, unter anderem mit Doppel-Halogenscheinwerfer und Schminkspiegel, auch der Hand-choke entfällt, ein weiterer kleiner technischer Meilenstein am Weg in die Moderne. 1973 kommt noch ein neuer Motor, jetzt mit 1.800 Kubikzentimetern Hubraum und 100 PS. Im Januar 1975 wird die Produktion des K70 eingestellt. Insgesamt wurden 211.127 Exemplare gebaut. Kein Bestseller, aber ein Vorbote und ein Testfall gegenwärtiger Automobiltechnik.

2014.

Man muss zugeben, dass der K70 eher der Gruppe „Fahrer mit Hut“ zugeordnet wird, beziehungsweise wurde, als den jungen Wilden. Den 29-jährigen Kinnbartträger Bernhard Deicker stört dieses Image überhaupt nicht: „Ich bin eher der chillige Typ hinter dem Lenkrad. Schnellfahren brauche ich nicht. Der Weg wird deshalb auch nicht kürzer. Da genieße ich das Fahren lieber.“ Und der K70 ist dafür das ideale Auto, „sehr weich, liegt schön in der Kurve, geht zwar mit, aber nicht raus“. Selbstverständlich wird der K70 nur bei Schönwetter und nur an besonderen Tagen aus der Garage geholt, sonntags etwa, „um an den Attersee baden zu fahren“. Für dieses Jahr ist aber eine größere Österreich-Tour geplant. Und manchmal, eher selten, darf auch die Freundin ans Steuer. „Für die wäre ein Karmann Ghia das Richtige. Das wäre noch ein Auto, das mich reizen könnte.“ Ansonsten aber ist er wunschlos glücklich mit seinem K70. Für immer unverkäuflich, klar: „Mit dem Auto werde ich alt, da steckt zu viel Herzblut drinnen.“

» Mit dem Auto werde ich alt, da steckt zu viel Herzblut drinnen. «

Bernhard Deicker

Das noble Schwarz steht der eleganten, fast filigran wirkenden Limousine durchaus gut.